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Sprache ist der Schlüssel zur Welt

Dieses Zitat von Wilhelm von Humboldt, dem Gründer der Berliner Universität, bringt es auf den Punkt. Auch die Bitburger Buchpaten möchten Ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen sich kleine und große Welten erschließen können. Unser Augenmerk richtet sich hierbei vornehmlich auf die Kinder. Deshalb stellen die Bitburger Buchpaten seit ihrer Gründung im Januar 2008 zahlreiche Projekte auf die Beine, um die Lebenschancen möglichst vieler Kinder durch eine intensivere Begegnung mit Sprache zu verbessern. Denn wir sind überzeugt:

„Gibt es etwas Schöneres als die 26 Buchstaben unserer Sprache?

Sie lassen uns neue Welten entdecken, verführen uns zum Lachen und Schmunzeln, schenken uns Erkenntnisse und Einsichten, spenden uns Trost und Hoffnung.“

Anlässlich unseres 10-jährigen Jubiläums haben wir Erlebnisse und Erkenntnisse beim Erlernen der deutschen Sprache und im Umgang mit Sprache/n gesammelt, die wir Ihnen in den nachfolgenden Beiträgen vorstellen möchten.

Vorlesen in der Integrativen Kita Kölner Straße in Bitburg

Regelmäßig besuche ich eine Gruppe, in der sich zum Teil Kinder mit geistiger Beeinträchtigung befinden. Gerade gefrühstückt, erblicken mich die Kleinen bereits durch die Fenster der KITA, und öffnen mir freudestrahlend die Eingangstür. Die Kinder bestürmen mich und fragen, welches Buch ich denn heute mitgebracht habe. Ich habe eins vom Kleinen Raben Socke dabei. 

Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, machen wir es uns alle in der Kuschelecke gemütlich. Jetzt beginne ich, die Geschichte vom Raben Socke vorzulesen: „Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!“ Alle Kinder hören aufmerksam zu. In der Geschichte essen Rabe Socke und seine Freunde Spaghetti mit Soße. Das Wildschwein Stulle schmatzt und spricht mit vollem Mund, woraufhin der Hase das Wildschwein belehrt, dass man so etwas nicht macht. Ich schlüpfe rasch in die Rolle des Wildschweins und „schmatze“ und spreche mit vollem Mund: „Man mub aub wab abbeben!“. Die Kinder sind mitten im Geschehen und können sich in diese Situation sehr gut hineinversetzen und erkennen sich auch selbst wieder.

Wenn ich mit dem Vorlesen fertig bin, reißen mir meine Zuhörer das Buch aus der Handund schauen sich die Bilder der anderen Geschichten von Rabe Socke interessiert an. Ich lasse das Buch bis zum nächsten Vorlesen in der Kita-Gruppe, damit die Erzieherinnen in der Zwischenzeit weitere spaßige Geschichten vorlesen können.Alle wollen wissen, wann ich wiederkomme. Und auf das nächste Mal freuen sich nicht nur die Kinder und die Erzieherinnen!

     Rüdiger Mies, Bitburger Buchpate

Für Bayan ist das kein Problem –

Beobachtungen zum Erwerb der deutschen Sprache bei jungen Flüchtlingen

Dass Sprache das vielleicht wichtigste Kommunikationsmittel für Menschen ist, ist eine Binsenweisheit.

Ein Fallbeispiel: Bayan (geb. 2013) ist das jüngste von vier Kindern einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Sie ist ein fröhliches Kind ohne Berührungsängste und offen für Neues. In der Familie wird Arabisch gesprochen. Seit Bayan vier Jahre alt ist, besucht sie den örtlichen Kindergarten. Mit ihrer Muttersprache kann sie sich dort nicht verständigen. Aber weil sie kontaktfreudig ist, findet sie schnell Verständigungswege zu den anderen Kindern. Sie lernt deren Sprache. Das ist ein Gemisch, überwiegend Hochdeutsch, aber mit „Platt“-Einlagen. Sie gehört dazu, ist integriert, geht freudig in den Kindergarten und freut sich schon auf die Schule. Mit ihrer Sprachkompetenz dürfte der erfolgreiche Schulbesuch gesichert sein.

Und auch die anderen Kinder der Familie sind schulisch erfolgreich. Sohn Abdu. (geb. 2001) hat das Berufsvorbereitungsjahr mit Abschluss absolviert. Tochter Ruh. (geb. 2003) besucht ein Gymnasium und Sohn Moh. (geb. 2005) die Klasse 9 einer Realschule plus mit guten Prognosen.

Bemerkenswert: Beide Elternteile haben in ihrer Heimat nur eine geringe Schulbildung erfahren. Die Mutter spricht kaum Deutsch, der Vater ein wenig.

     Rolf Mrotzek, Bitburger Buchpate

Sprache, sprechen, sich verständigen, sich verstehen – was Sprache mir bedeutet

Sprache – ein Mittel zur Verständigung. Ein Lächeln, weit weg im Urlaub, oder eine bewusst regional geprägte Begrüßung in der Heimat (eisch schwätze platt) können Türen öffnen und damit Verständigung erleichtern. Sprache kann Hass abbauen und Völker verbinden, macht die Welt bunter, das Leben ein Stückchen reicher und fremde Kulturen erlebbar/vertrauter. Eine Französin, die ich in einem Urlaub als Alleinreisende in den 80er Jahren in Marokko kennenlernte, schreibt noch heute als Grußformel unter jeden Brief „Je t’embrasse très fort“ und erinnert mich so an mein ganz persönliches Erleben/ Vertrautwerden mit der französischen Lebensart – durch Sprache! Der stetige Wandel, dem unsere Sprache unter dem Einfluss anderer Sprachen und Kulturen unterliegt, das Aufnehmen neuer Wörter und das Verdeutschen von Fremdwörtern, hat auch sein Gutes, wenn wir es denn sehen wollen. Molto bene!

Lesen – Sprache in geschriebener Form: ein Schlüssel zur Welt! „Das tägliche Buch gib‘ mir.“ Lernen – wie würde das ohne Sprache gehen? Wie mühsam ist es, wenn es uns die Sprache verschlagen hat. Um Verzeihung bitten – auch dafür braucht es Sprache. Zu erfahren, was andere Menschen denken, was andere Menschen fühlen – dabei hilft uns Sprache.

     Renate Crames, Bitburger Buchpatin

Die Zeiten ändern sich

1956. Auf dem Schulhof des Alten Gymnasiums in Bitburg kam die Deutschlehrerin, die Pausenaufsicht hatte, auf zwei Schüler zu mit der sehr bestimmten Aussage: „Ich verbiete Ihnen, auf dem Schulgelände Ihren Dialekt zu sprechen. Wie wollen Sie jemals das Abitur bestehen?“ Die beiden Schüler waren in der Obersekunda. Trotz der Tatsache, dass die zwei Freunde weiter ihren moselfränkischen Dialekt sprachen, haben sie ihr Abitur problemlos bestanden und sind nach dem Jurastudium Richter geworden.

Etwa 40 Jahre später spazierte diese Lehrerin am Haus eines ihrer ehemaligen Schüler vorbei. „Herr Dr…“, begann sie, „heute muss ich mich bei Ihnen entschuldigen.“ Sie erinnerte an ihre stetigen Hinweise nur ja keinen Dialekt auf dem Schulhof zu sprechen. Das sei nach den heutigen philologischen Erkenntnissen ein Fehler von ihr gewesen. Der Dialekt sei eine zusätzliche Sprache, er vervielfältige das Vokabular. „Das ist Ihnen ja auch beruflich zu Gute gekommen.“ Das Gespräch endete bei einem guten Glas Wein mit vielen Erzählungen aus vergangenen Schultagen.

Mai 2018. Sprachen, Farben, Leben – verschieden doch vereint,

                 lasst uns das Beste geben – für das, was Lernen meint.

                So zeig‘ uns ein globales Dorf – auf einem grünen Hügel,

                wer Zukunft will, der braucht dafür: Wurzeln und auch Flügel.

Dies ist der deutsche Teil eines Schulliedes, das an der German European School Singapore, die meine Enkel besuchen, gesungen wird.

     Annerose Grün, Bitburger Buchpatin

„Hochdeutsch“ als erste Sprache?

Ende der 50er Jahre wohnte in meinem Elternhaus ein pensionierter Lehrer mit seiner Frau. Beiden achteten auf meine korrekte Spracherziehung in Hochdeutsch. So kam, was kommen musste: Meine beiden, untereinander und mit dem ganzen Rest der Familie Dialekt sprechenden Eltern, sprachen mit mir Hochdeutsch.

Das alles ging gut bis zu meinem ersten Schultag. Die Kinder, mit denen ich nun in einer Klasse war, sprachen alle anders als ich. Verstehen konnte ich sie ganz gut, war mir ihre Sprache ja durch das Hören in meinem Umfeld vertraut. Viel schlimmer war, sie verstanden mich nicht, und das erschwerte die Kommunikation mit ihnen in den ersten Wochen meiner Schulzeit enorm. Wir gaben uns allergrößte Mühe auf beiden Seiten und so lernten meine Klassenkameraden in den ersten Wochen ihrer Schulzeit Hochdeutsch und ich Eifeler Platt.

Wer wessen Sprache schneller lernte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Gelernt haben wir die jeweils „erste Fremdsprache“ jedenfalls schnell und damit alle pädagogischen Diskussionen, dass Kinder mit „Platt“ als erster Sprache weniger Bildungschancen hätten, relativiert.

     Inge Solchenbach, Bitburger Buchpatin

„Platt“ als erste Sprache?

In den 50er Jahren wuchs ich auf einem abgelegenen Bauernhof auf. Meine Familie und auch die Menschen, die uns besuchten, alle sprachen Dialekt. Ich besuchte keinen Kindergarten, da er sich weit von unserem Hof entfernt, in Neuerburg, befand. Busse fuhren unser Dorf nicht an.

Nach den Osterferien 1955 startete ich gelassen ins Schulleben. Ein freundlicher Lehrer begrüßte mich. Doch ich verstand ihn nicht. Denn ich konnte kein Hochdeutsch! Es dauerte wohl Wochen, vielleicht auch Monate, bis ich mich sprachlich integrieren konnte. Den Lehrer mochte ich sehr, wollte nach seiner Versetzung nicht mehr in die Schule gehen. Doch mein Widerstand, der Leser ahnt es, nutzte nichts.

Im 6. Schuljahr war eine Lehrerin von meinen Fähigkeiten so überzeugt, dass sie ein Gymnasium in Trier überredete, mich im laufenden Schuljahr aufzunehmen. Auf meinem weiteren schulischen und beruflichen Weg habe ich zahlreiche Aufgaben im sprachlichen Bereich in Hochdeutsch bewältigen können.

     Agnes Hackenberger, Bitburger Buchpatin